KulTour: "Nur ein Toter mehr" -- Vortrag und Diskussion

    unimut 

    Freitag, 08.03.2002
    19.30 Uhr
    Karlstorbahnhof

    In den frühen Morgenstunden des 13. Februar 1999 wurde in Guben der 28-jährige Algerier Farid Guendoul (Omar ben Noui), von einer Gruppe rechter Jugendlicher zu Tode gehetzt. Die Tatsache, dass am selben Tag der damalige brandenburgische Innenminister die überwältigenden Erfolge seiner Kampagne ,Tolerantes Brandenburg' feierlich verkünden wollte, rückte den Tod Omar ben Nouis/Farids in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Selbst während des 83 Tage andauernden skandalösen Prozesses ließ die Aufmerksamkeit nicht nach.

    Unter anderem wurde die Gerichtsverhandlung durch eine Prozessbeobachtungsgruppe kritisch begleitet. Die späteren Autoren des Buches haben auch den Freunden und Angehörigen jene Achtung zum Ausdruck gebracht, die die Täter, seine Einwohner und die offizielle Politik Ihnen standhaft verweigerten. Daran schlossen sich noch weitergehende Recherchen in und um Guben an. Im Mai 2001 erschien in der "Reihe antifaschistischer Texte" ihr Buch "Nur ein Toter mehr... Die Hetzjagd von Guben und alltäglicher Rassismus in Deutschland".

    Was hier am Beispiel Gubens geschildert wird, steht stellvertretend für viele Städte in der BRD, in denen eine rassistische Dominanzkultur herrscht. Mordbereite Neonazis sind ein Symptom einer Gesellschaft, in der Rassismus vom Mainstream getragen wird und Gewalt gegen Menschen geduldet, ja strukturell vorbereitet, unterstützt und gedeckt wird. Farid wurde Opfer einer rassistischen Stimmungsmache, die unter anderem durch die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft geschürt wurde. Gerade in Wahlkämpfen setzen vor allem die Unionsparteien auf fremdenfeindliche Vorurteile, wenn es ihnen um den Ausbau ihrer Macht geht. Stoiber beschwor schon die durchrasste Gesellschaft, die es zu verhindern gelte. Die Argumentation folgt einem völkischen Konzept: eine homogene kulturelle Gemeinschaft wird konstruiert und propagiert (Leitkulturdebatte), die es vor den Anderen zu schützen gelte. Auch im kommenden Bundestagswahlkampf droht durch die Einwanderungsdebatte wieder eine rassistische Stimmungsmache. Aber auch der rot - grünen Bundesregierung geht es mit ihrem Gesetz der "Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung" lediglich um die Ausbeutung von hochqualifiziertem Humankapital aus der sogenannten dritten Welt, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Die Greencard und ein Ausreisezentrum mit Abschiebeknast, wie in Ingelheim am Rhein, sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

    Wir wenden uns gegen ein Klima der Ausgrenzung- eine Stimmung die letztlich zu solchen Taten führt. Aber genauso gegen eine Ausgrenzung durch die Residenzpflicht die Asylbewerbern verbietet, den ihnen zugewiesenen Landkreis zu verlassen, und die militärisch abgeschotteten Außengrenzen der Festung Europa. Für eine Welt in der die Menschen nicht nach Nützlichkeitserwägungen selektiert, inhaftiert, abgeschoben und gehetzt werden! Rassismus tötet - leistet Widerstand!

    Die ReferentInnen:

    Fritz, Journalist, 37 Mitarbeiter der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration. Mitglied der Prozessbeobachtungsgruppe, seit 1992 Antifa - Arbeit. davor Anti-Atom-Aktivist in Wackersdorf. Mitgründer und Aktivist der Kampagne 'kein mensch ist illegal'

    Alexandra, Studentin in Cottbus, 28 Mitarbeiterin der Anlaufstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt. Sie begleitet und unterstützt Menschen, die in Südbrandenburg von Rechten angegriffen wurden. Infos dazu auch unter www.opferperspektive.de. Mitglied der Prozessbeobachtungsgruppe.

    Die Veranstaltung findet außerdem jeweils um 19.30 noch am Mi, 6.3. in Michelstadt, Löwenhofreite, am Do, 7.3. in Nierstein, Altes Rathaus und am Sa, 9.3. im Mannheimer Juz, Käte Kollwitzstr.2-4, statt.

    Langtexte kommen meist von den VeranstalterInnen. Das Sozialforum ist hier nur Bote.