Gerhard Stapelfeldt: Wie Marx zu lesen wäre. Probleme einer Kritik der Politischen Ökonomie nach Marx

    unimut 

    Donnerstag, 05.11.2009
    19.30 Uhr
    Neue Uni

    Jede theoretische Kritik von bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Produktionsweise, die in der Absicht einer weltverändernden Praxis formuliert wird, muß ihren eigenen gesellschaftsgeschichtlichen Kontext reflektieren: sonst geht ihre Intention in einer überhistorischen Theorie unter. Das gilt insbesondere für die Theorie von Marx und deren Aneignung. Diese Theorie, entstanden in der Epoche des klassischen, noch revolutionären Liberalismus, konnte deren aufklärerisch-emanzipatorischen Gehalt aufnehmen und durch immanente Kritik radikalisieren, um die "Aussicht auf eine neue Gesellschaft zu eröffnen" (MEW 26.3, 422). Darum galten für Marx die Krisen, in denen sich Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise manifestierten, als Möglichkeiten eines Widerspruchs (Kritik) gegen die widerspruchsvolle gesellschaftliche Welt. Dieser Zusammenhang von Krise und Kritik zerfiel schon unter dem Imperialismus. Die Krise von 1929/33 hat in Deutschland eine "konformistische Revolte" (Horkheimer) produziert. Auch der Neoliberalismus, ursprünglich als Kritik der 'Knechtschaft' unter dem autoritären Staat formuliert, negiert die utopischen Aussichten des klassischen Liberalismus. So scheint eine Aneignung der Theorie von Marx, die deren revolutionärer Intention angemessen wäre, verstellt und eine bloß philologische Aneignung der Theorie noch offen, die diese in ein Dogma mit überhistorischer Gültigkeit verwandelt. Über dieses Problem einer adäquaten Marx-Rezeption wollen wir aus Anlass der Neuveröffentlichung des Buches: 'Das Problem des Anfangs der Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx', von Gerhard Stapelfeldt sprechen. Das Buch erschien erstmals vor dreißig Jahren, in einem im Vergleich zur Gegenwart anderen gesellschaftsgeschichtlichen und theoretischen Kontext.

    Es spricht Gerhard Stapelfeldt, Prof. am Institut für Soziologie der Universität Hamburg und Autor u.a. von "Der Liberalismus. Die Gesellschaftstheorie von Smith, Ricardo und Marx" (ça ira-Verlag 2006), "Das Problem des Anfangs in der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx" sowie "Der Imperialismus. Krise und Krieg 1870/73 bis 1918/29" (Dr. Kovac-Verlag 2009).

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